Tigerauge
Tigerauge ist Quarz, in dem feinste parallele Fasern stecken. Die Fasern stammen von Krokydolith, einem faserigen Amphibol, dessen Eisen zu goldbraunem Eisenoxid verwittert ist. Sie lenken das Licht zu einem schmalen, wandernden Streifen, dem Katzenaugeneffekt.
Woher der Lichtstreifen kommt
Tigerauge besteht aus Quarz, in dem sehr viele sehr feine Fasern parallel nebeneinanderliegen. Jede Faser wirft Licht nur in einer schmalen Ebene zurück, quer zu ihrer Längsrichtung. Zusammen ergeben sie einen hellen Streifen, der immer senkrecht zu den Fasern steht. Der Effekt heißt Chatoyanz, vom französischen Wort für Katze, weil er an ein Katzenauge im Licht erinnert.
Am besten sieht man ihn auf einem gewölbten Cabochon, der so geschliffen ist, dass die Fasern parallel zur Grundfläche liegen. Kippt man den Stein, wandert der Streifen über die Wölbung. Auf flach polierten Stücken zeigt sich derselbe Effekt anders: Beim Drehen wechseln die Bänder zwischen hell und dunkel, als würde jemand einen Schalter umlegen.
Tigerauge und Falkenauge
Falkenauge ist dasselbe Material in einem früheren Zustand. Die Krokydolithfasern sind dort kaum verwittert und haben ihre ursprüngliche blaugraue Farbe behalten. Beim Tigerauge ist das zweiwertige Eisen der Fasern zu Goethit oxidiert, daher das Goldbraun. Viele Stücke zeigen beides nebeneinander, blaue und goldene Zonen im selben Stein.
- Farbe unterscheidet sicher
- goldgelb bis honigbraun
- blaugrau bis grünlich blau
- Zustand der Fasern unterscheidet sicher
- Eisen zu Goethit oxidiert
- kaum verändert
- Lichtstreifen
- ja, goldglänzend
- ja, silbrig bis bläulich
- Mohshärte
- 6,5 bis 7
- 6,5 bis 7
Die Farbe allein entscheidet. Beide sind Quarz mit denselben Fasern, der Unterschied liegt nur darin, wie weit das Eisen darin verwittert ist.
Wie Tigerauge entsteht
Lange galt Tigerauge als Paradebeispiel einer Pseudomorphose: Quarz habe die Krokydolithfasern Stück für Stück ersetzt und dabei ihre Form übernommen. So steht es bis heute in vielen Büchern.
2003 legten die Geologen Peter Heaney und Donald Fisher eine andere Deutung vor. Nach ihren Untersuchungen reißt das Gestein immer wieder auf, und in jedem neuen Riss wachsen Quarz und Krokydolith gleichzeitig weiter. Die Fasern werden dabei nicht ersetzt, sondern im Quarz eingeschlossen. Als Beleg nennen sie regelmäßig wiederkehrende Bruchflächen im Abstand von 100 bis 500 Mikrometern und säulenförmige Quarzkristalle statt feinkörnigem Chalcedon. Das GIA folgt inzwischen diesem Modell.
Ist Tigerauge gefährlich?
Krokydolith ist Blauasbest, die gefährlichste Asbestart. Die oft zu lesende Beruhigung, im Tigerauge sei gar kein Krokydolith mehr enthalten, stimmt allerdings nicht: Heaney und Fisher beschreiben ausdrücklich unverwitterte Fasern im Quarz. Entscheidend ist, dass sie dort vollständig eingeschlossen sind. Ein fertig geschliffener, unbeschädigter Stein gilt deshalb beim Tragen als unbedenklich.
Anders sieht es beim Sägen und Schleifen aus. Belegt ist dort vor allem die Gefahr durch lungengängigen Quarzstaub. Eine Studie von 1991 fand Silikose bei südafrikanischen Steinbearbeitern, die unter anderem Tigerauge verarbeiteten. Dass dabei auch Faserreste frei werden, lässt sich nicht ausschließen. Wer selbst schleift, arbeitet nass und mit Absaugung.
Gebrannt, gebleicht, gefärbt, Glas
- Rotes Tigerauge, im Handel auch Ochsenauge: durch vorsichtiges Erhitzen entstanden. Dabei wandelt sich der gelbbraune Goethit in rotes Hämatit um.
- Honigfarbenes oder helles Tigerauge ist meist mit Säure gebleicht.
- Grüne, blaue oder pinke Steine sind gefärbt. Die Farbe sammelt sich sichtbar entlang der Fasern.
- Faserglas, auch Katzenaugenglas genannt, imitiert den Lichtstreifen. Von oben ist es kaum zu unterscheiden, von der Seite zeigt es ein regelmäßiges Wabenmuster aus gebündelten Glasfasern.
Tigereisen und Fundorte
Das klassische Tigerauge stammt aus Südafrika, aus der Provinz Northern Cape um Griquatown. Dort durchziehen Krokydolithgänge die Bändereisenerze der Asbestos Hills.
In der Pilbara in Westaustralien kommt Tigerauge als Teil des Tigereisens vor. Das ist ein rund 2,5 Milliarden Jahre altes Bändereisenerz, in dem Lagen aus Hämatit, Magnetit und rotem Jaspis abwechseln. In Brüche dieses Gesteins drang Krokydolith ein und wurde verkieselt. Poliert ergibt das einen Stein aus goldenen, roten und metallisch grauen Streifen.
Quellen
- Jin, Renfro, Palke, Shigley: Structures Behind the Spectacle, Gems & Gemology 61(2), 2025
- Handbook of Mineralogy: Quarz (PDF, Mineralogical Society of America)
- GIA Museum: Tiger’s Eye Quartz, zu Tigereisen und Entstehung
- Heaney, Fisher: New interpretation of the origin of tiger’s-eye, Geology 31(4), 2003
- White, Chetty, Bateman: Silicosis among gemstone workers in South Africa, Am. J. Ind. Med. 19 (1991)

