Metamorphose

Ein Gestein muss nicht schmelzen, um ein anderes zu werden. Es genügt, dass sich Druck und Temperatur ändern: Dann ordnen sich die Minerale neu, ohne dass das Gestein je flüssig wird. Aus Kalkstein wird Marmor, aus Tonstein Schiefer, aus Basalt über mehrere Stufen Eklogit.

Was Metamorphose ist und was nicht

Metamorphose ist die Umwandlung eines Gesteins im festen Zustand. Die Bausteine bleiben dieselben, sie werden nur neu zusammengesetzt: Aus Ton wird Glimmer, aus Calcit größerer Calcit, aus Pyroxen Amphibol. Der Chemismus ändert sich dabei kaum, verloren geht vor allem Wasser.

Nach unten und oben ist der Bereich klar begrenzt, und beide Grenzen sind wichtig:

Die drei Stellschrauben

Temperatur liefert die Energie, damit Atome ihre Plätze wechseln können. Sie steigt mit der Tiefe, im Mittel um rund 30 Grad je Kilometer, in der Nähe aufsteigender Magmen deutlich schneller.

Druck wirkt auf zwei Arten. Der allseitige Druck der auflagernden Gesteinsmasse begünstigt dichte Minerale, deshalb wächst mit der Tiefe der Anteil schwerer Phasen wie Granat. Wirkt der Druck dagegen gerichtet, werden plattige und stängelige Minerale senkrecht dazu eingeregelt. Genau das erzeugt die Schieferung, die man dem Schiefer und dem Gneis ansieht.

Fluide sind der unterschätzte Faktor. Wasser und Kohlendioxid in den Poren wirken als Transportmittel und beschleunigen Reaktionen um Größenordnungen. Ein trockenes Gestein kann bei Bedingungen, unter denen es längst hätte reagieren müssen, unverändert bleiben. Deshalb überdauern manche Hochdruckgesteine ihren Aufstieg, ohne sich zurückzuverwandeln, und liegen heute an der Oberfläche.

Die Fazies im Druck-Temperatur-Diagramm

Eine metamorphe Fazies ist ein Feld im Druck-Temperatur-Diagramm, in dem eine bestimmte Mineralvergesellschaftung stabil ist. Der Begriff ist praktisch, weil er umkehrbar funktioniert: Aus den Mineralen eines Handstücks lässt sich ablesen, unter welchen Bedingungen das Gestein zuletzt im Gleichgewicht stand.

Zeolith Prehnit Hornfels, Kontakt Grünschiefer Amphibolit Granulit Blauschiefer Eklogit kühle Subduktion normale Kruste 0 200 400 600 800 TEMPERATUR IN GRAD CELSIUS 0 0 5 18 10 35 15 53 20 70 DRUCK IN KILOBAR TIEFE IN KILOMETERN
Die Feldgrenzen sind in Wirklichkeit Übergangsbereiche von mehreren Dutzend Grad Breite und hängen zusätzlich vom Chemismus des Ausgangsgesteins ab. Als Linien gezeichnet sind sie nur, weil das Diagramm sonst unlesbar würde.

Die beiden Pfade sind der eigentliche Inhalt der Grafik. Beide starten bei demselben Gestein, etwa einem Basalt der ozeanischen Kruste, und enden völlig verschieden. Der kühle Pfad einer Subduktion führt links oben durch die Blauschiefer- in die Eklogitfazies. Der normale Pfad einer sich verdickenden Kruste läuft flacher und führt über Grünschiefer und Amphibolit zum Granulit.

Kontakt, Region, Hochdruck

ArtWoKennzeichen
Kontakt am Rand eines Magmakörpers hohe Temperatur, kaum Druck. Erzeugt richtungslose, harte Hornfelse in einem Saum von Metern bis wenigen Kilometern
Regional in Gebirgsbildungen Druck und Temperatur zugleich, über Hunderte Kilometer. Der häufigste Fall, erzeugt Schiefer, Glimmerschiefer und Gneis
Hochdruck in Subduktionszonen viel Druck, wenig Wärme. Erzeugt Blauschiefer und Eklogit
Dislokation an großen Störungen mechanische Zerlegung und Wiederverfestigung, erzeugt Mylonite
Schock an Einschlagkratern extremer Druck für Sekundenbruchteile, erzeugt Hochdruckformen von Quarz wie Coesit und Stishovit

Die Umwandlungsreihen

Welches Gestein entsteht, hängt zuerst vom Ausgangsgestein ab, dem Protolithen. Drei Reihen decken fast alles ab, was man im Gelände findet.

AusgangsgesteinReihe mit steigendem Grad
Tonstein Tonschiefer, Phyllit, Glimmerschiefer, Gneis, zuletzt Migmatit
Kalkstein Marmor, mit steigendem Grad gröber körnig
Sandstein Quarzit
Basalt, Gabbro Grünschiefer, Amphibolit, Granulit. Bei kühlem Pfad stattdessen Blauschiefer und Eklogit

Marmor und Quarzit fallen aus der Reihe, weil ihre Ausgangsgesteine chemisch fast einheitlich sind. Kalkstein besteht aus Calcit, und Calcit bleibt Calcit, er wird nur größer. Bei Sandstein ist es Quarz. Deshalb gibt es dort keine Abfolge neuer Minerale, sondern nur eine gröbere Körnung.

Wie man den Grad im Gelände abliest

Bei tonigen Ausgangsgesteinen erscheinen mit steigender Temperatur nacheinander bestimmte Minerale. George Barrow beschrieb diese Abfolge 1893 im schottischen Hochland, und sie trägt bis heute seinen Namen.

Zonegrob abbedeutet
Chlorit300 °Cschwach, Tonschiefer bis Phyllit
Biotit400 °Cbeginnender Glimmerschiefer
Granat500 °Cmittlerer Grad
Staurolith550 °Cdeutlich mittlerer Grad
Disthen600 °Choher Grad, hoher Druck
Sillimanit650 °Choher Grad, Übergang zum Gneis

Disthen und Sillimanit sind chemisch identisch, beide sind Al₂SiO₅, ebenso wie Andalusit. Welches der drei entsteht, hängt allein von Druck und Temperatur ab. Damit sind sie die einfachsten Druckanzeiger, die die Natur zu bieten hat: Andalusit steht für geringen Druck, Disthen für hohen, Sillimanit für hohe Temperatur.

Quellen